WAS YOGA KANN

Yoga gegen die Angst

„Manchmal braucht es einen Schulterstand.“ Michael Forbes brachte vor einem Jahr mit diesem Satz auf den Punkt, was ich in dem Moment tief empfunden und seither nicht vergessen habe. Es war der 22. Juli 2016. Ein Freitag. Um 18 Uhr begann unser Seminar im iYoga-Studio in München. Grundlagen Ia stand auf dem Programm für das Wochenende mit Michael Forbes und Margareta Eckl, also Stehhaltungen, Sitzhaltungen, Vorwärtsstreckungen. Eigentlich.

„Schüsse im Olympiaeinkaufszentrum“

Ich habe bei den Seminaren immer mein Handy dabei, um Haltungen und Variationen als Erinnerungsstütze schnell fotografieren zu können. So auch an diesem Freitag. Wir hatten gerade eine gute halbe Stunde praktiziert, als ich zufällig einen Blick auf mein Handy warf, das gerade wieder aufleuchtete. Ca. 20 Nachrichten waren per What’sApp eingegangen, fast alle von meinem Freund. „Wisst Ihr überhaupt, was los ist?!“, „Bleibt im Studio! Schließt Euch ein!“,… lauteten einige davon. Dazu Schlagzeilen von Informationsdiensten „Schüsse im Olympiaeinkaufszentrum“, Meldungen von ersten Toten, vor allem junge Menschen. Michael demonstrierte gerade die nächste Haltung. Ich war unsicher, ob ich mitten reinrufen und ihn unterbrechen sollte. Dann würde Aufruhr entstehen und keiner könnte sich mehr konzentrieren. Ich beschloss die Demonstration abzuwarten. Wollte ihm die Entscheidung überlassen die Klasse zu informieren oder nicht. Im allgemeinen Getümmel des Hilfsmittelaufbaus erzählte ich Michael leise von den News. Er ging wie nebenbei kurz zum Fenster, schnappte frische Luft – und unterbrach den Unterricht.

Sorgen und Spekulationen

In dem Moment begann auch schon das Studiotelefon am Empfang wild zu bimmeln. Unsere besorgten Familien versuchten uns zu erreichen und zu warnen. Unsere Smartphones und Tablets liefen heiß.

Heute wissen wir, dass es sich um einen Amoklauf handelte und der Täter zu diesem Zeitpunkt bereits tot war. Damals nicht. Damals war von drei Tätern die Rede, die bewaffnet in die U-Bahn geflüchtet seien. Die U-Bahn-Linie vom OEZ läuft auch am Goetheplatz vorbei, die Haltestelle ist nur wenige Schritte von Michaels Studio entfernt. Die Nachrichten häuften sich, dass es auch an anderen Stellen in München zu Schießereien gekommen sei. Michael schloss die Eingangstür unten ab. Die Terrorgefahr war greifbar. Jeden Augenblick konnte etwas Neues passieren und wir waren mittendrin. Ich möchte nicht überdramatisieren, aber damals hatten wir Angst. Auch um Freunde und Verwandte in München, die wir noch nicht erreicht hatten.

Eine ungewöhnliche Maßnahme

Es wurde 21 Uhr. Jetzt wäre das Seminar eigentlich zu Ende gewesen. Die Polizei sprach von „akuter Terrorlage“, die Bürger sollten die Wohnungen nicht verlassen. Die meisten von uns hatten inzwischen beschlossen, im Studio zu übernachten. Da sagte Michael: „Ich übe jetzt Sarvangasana. Wer will, kann sich gerne anschließen.“ Und ging in den großen Studioraum. Wir waren ein bisschen irritiert. Schulterstand? Jetzt?! Andererseits: Warum eigentlich nicht? Es hätte uns auch nicht weiter gebracht, weiter aufs Handy zu starren und zu spekulieren. Also Schulterstand. Ein langer Schulterstand.

Ich übe gern Sirsasana. Sarvangasana zu praktizieren habe ich bis zu diesem Zeitpunkt eher pflichtmäßig erfüllt, weil ich gelernt habe: Kein Kopfstand ohne Schulterstand. Richtig gemocht habe ich den Schulterstand nie. Auch wenn ich mir große Mühe mit der Ausrichtung gegeben habe, hat mich das längere Verweilen in Sarvangasana meist unangenehm angestrengt und ich war immer froh, wenn es vorbei war.

An diesem Abend war alles anders. Die Ausrichtung, das lange Halten – alles fühlte sich leicht, stabil und richtig an. Ich weiß gar nicht, wie lange wir in der Haltung waren. Vielleicht 15 Minuten? Aber ich weiß noch, dass ich das Gefühl hatte, ich könnte die ganze Nacht so verbringen. Das Chaos im Kopf, die Verwirrung legten sich allmählich. Da war immer noch die Erschütterung über die vielen jungen Opfer, immer noch die spürbar bedrohliche Lage und die Unsicherheit. Aber es kehrte auch Ruhe ein. Seitdem weiß ich, was Sarvangasana kann. Und denke oft daran.

Wir konnten sogar ganz gut schlafen in dieser Nacht. Gegen 2 Uhr morgens wusste ich, dass es sich um einen Einzeltäter handelte und damit keine Gefahr mehr Bestand.

Auch Margareta, die uns am nächsten Tag unterrichtete, hatte ihr Programm aufgrund der Ereignisse über den Haufen geschmissen und statt dessen Gurujis berühmte Sequenz aus „Licht auf Leben“ „Asanas zur Entwicklung von emotionaler Stabilität“ mit uns geübt. Genau das, was wir brauchten.

Was einen guten Lehrer ausmacht

B.K.S. Iyengar hat in seiner „Rede an Lehrer“, die er 1987 in London hielt (siehe Abhyasa, Dezember 2016) davon gesprochen, dass Kommunikation das Herz benötigt. Dass der Lehrer von Herz zu Herz unterrichten soll, um den Schüler zu erreichen. Nicht nur an diesem Wochenende im Juli 2016, aber vor allem an eben diesem Wochenende haben Michael und Margareta mein Herz erreicht. Und was berührt, bleibt.

 

Dieser Beitrag von mir erschien im Dezember 2017 in der Zeitschrift „Abhyasa“, dem Verbandsmagazin von Iyengar Yoga Deutschland e.V..

About The Author

Nici

Silvester 2006 habe ich mir Punkt Mitternacht beim Feuerwerk eine Zigarette angezündet und bekam prompt einen Asthmaanfall. So wurde ich zum Nichtraucher - ich hatte ohnehin keinen Bock mehr drauf, zunehmend zum Rauchen vor die Tür geschickt zu werden. Um durchzuhalten und mich abzulenken (und nicht zuzunehmen), begann ich mit Sport und Bewegung. Ich habe viel ausprobiert, aber Yoga hat mich von Anfang an gepackt und nicht wieder losgelassen. Inzwischen bin ich zertifizierte Iyengar Yoga Lehrerin, habe meine Arbeit als TV-Producerin an den Nagel gehängt und ein eigenes Yogastudio eröffnet. Das YogaKraftwerk. Mein ganzer Stolz.

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