MEINE FAMILIE

HeimatLiebe

Meine Oma Christa hatte den Spitznamen „Der General“ in unserer Familie, weil sie so dominant war und meinen Opa Klaus herumkommandiert hat. Es herrschte tagsüber oft ein rauer Ton zwischen den beiden. Aber wenn ich sie abends in ihrer Hälfte unseres Hauses besucht habe, saßen sie immer Hand in Hand nebeneinander in ihren Sesseln und haben zusammen gelesen oder ferngesehen. Das stand für mich stets sinnbildlich für ihre enge Beziehung.

Sie haben die gemeinsamen Abende in ihrem schönen, großen Haus, das sie sich selbst erbaut hatten, genossen. Die Zeit zu zweit – mit ihren Kindern und Enkeln direkt nebenan. Mir hat es damals ein bisschen die Luft abgeschnürt, dass die ganze Familie unter einem Dach gelebt hat, aber für meine Großeltern war es genau richtig. Und rückblickend war es auch eine sehr schöne Zeit.

Mit Omi und Opi auf unserem Hof

Bilderbuch-Großeltern

Meine Großeltern waren immer stolz auf uns. Vor allem auch über die Entwicklung von meinem Bruder Björn, der aufgrund seiner Behinderung besondere Förderung brauchte. Meine Oma hat mit ihm so oft Lesen geübt, dass er heute noch davon erzählt, wie ihm damals der Kopf geraucht hat, weil sie nicht locker ließ. Sie haben ihm viel über Landwirtschaft, Pflanzen und Tiere beigebracht. Mich hatte das Landleben nicht so interessiert, aber Björn weiß das alles immer noch. Mein Opa war Schäfer. Er wollte 120 Jahre alt werden und aus Björn auch einen Schäfer machen, um ihm damit eine berufliche Zukunft zu sichern. Das war noch vor der Wende.

Mein Opa konnte zweistimmig pfeifen und erzählte gern Witze. Meine Oma war sehr gesellig und spielte gern Karten. Wenn ich mit ihnen in den Urlaub gefahren bin, haben wir die ganze Fahrt über im Auto gesungen. Er war ein Frühaufsteher, sie der totale Nachtmensch. Er liebte die Ruhe, sie blieb auf jeder Party bis zum Schluss – auch als sie kaum noch konnte. Er hat beim Schafehüten ab und an Liebespaare im Auto aufgeschreckt, wenn er spaßeshalber an die Scheibe geklopft und ihnen mit dem Finger gedroht hat. Sie hat sich darüber kaputt lachen können. Mein Opa war unglaublich neugierig. Meine Oma bewundernswert weltoffen. Sie hatten am 21. Dezember geheiratet – dem kürzesten Tag mit der längsten Nacht des Jahres.

Ihren Hochzeitstag kannten wir alle auswendig

Sie haben als Teenager im Krieg ihre Eltern verloren* und später beide die Lungentuberkulose überlebt. Sie mussten schon früh erwachsen werden und sind deshalb in ihrem späteren Leben voll aufgegangen. Es war sicher nicht sorgenfrei, aber es kam mir so vor.

Die Welt der Bücher

Mit „Heimat“ verbinde ich daher in erster Linie die Erinnerung an meine Großeltern, mit denen ich viel Zeit verbracht habe. Mein lustiger, aber auch sensibler und ungemein liebevoller Opa, der einen ganz fest in den Arm nehmen konnte, und meine toughe kleine Oma, die sich so viel Wissen selbst angeeignet hat und mit der mich unsere Liebe zu Büchern sehr verbunden hat. Ich wusste schon als Kind, dass ich mal all ihre Bücher erben werde, weil ich ihren „Schatz“ als einzige richtig zu schätzen wusste, und so ist es später auch gekommen. Ich habe heute so viele Bücher, dass ich weiß, dass ich sie gar nicht alle lesen kann, selbst wenn ich bis an mein Lebensende nichts anderes machen würde als lesen. Das ist ein seltsames Gefühl.

Damals und heute: Lesen im Kinderzimmer

In meinem alten Kinderzimmer befindet sich neben meinen eigenen Regalen der riesige Wohnzimmerschrank meiner Großeltern, in dem die Bücher teilweise in drei Reihen hintereinander Rücken an Rücken stehen. Ich könnte Stunden damit zubringen, die Bücher durchzugehen, neu zu sortieren, darin zu stöbern,… Manchmal finde ich darin kleine Zeitungsausschnitte oder Notizen von meiner Oma. Sie hat gern Biografien und geschichtliche Bücher gelesen, Sachbücher über die Königshäuser und „Der Laden“ von Erwin Strittmacher, weil dieser Roman sie an ihre eigene Kindheit in einer Bäckerfamilie erinnert hat. Sie hat sich nach der Wende einen Computer zugelegt, weil sie all ihre geliebten Bücher in einer Datei auflisten und nach Autor, Titel, Erscheinungsdatum, Genre, etc. sortieren wollte. Ich sollte ihr dabei helfen und hätte es auch gern getan. Dazu ist es leider nicht mehr gekommen.

Zu weit weg

Ich bin mit 20 von zu Hause weggezogen und war seither viel zu selten zu Besuch. Ich habe deswegen keine Schuldgefühle, aber es tut mir leid. Das einzige Mal, dass ich meine Oma wirklich tief enttäuscht habe, war, als ich ihr irgendwann während meines Studiums gesagt habe, dass ich danach nicht nach Hause zurückziehen würde. Damals hat sie bitterlich geweint.

Als mein Opa vor elf Jahren sehr krank wurde, wurde mir zum ersten Mal bewusst, wie weit ich eigentlich von zu Hause weg bin, wenn was passiert. Ich konnte ihn nicht so oft im Krankenhaus besuchen, wie ich wollte, weil ich in München gearbeitet habe. 400 km entfernt.

Es war uns innerhalb der Familie schon früher klar, dass keiner der beiden den anderen lang überleben würde. Dazu haben sich meine Großeltern gegenseitig viel zu sehr gebraucht. Meine Oma war der Kopf der beiden und mein Opa der Halt. Sie haben sich auch deshalb oft bei den Händen gefasst, weil meine Oma aus gesundheitlichen Gründen ziemlich wacklig auf den Beinen war. Aber nicht nur das. Als mein Opa im Krankenhaus lag, hat meine Oma bei all den kleinen täglichen Ritualen gesagt: „Wir werden nie wieder zusammen frühstücken.“, „Er wird nie wieder neben mir in der Küche Zeitung lesen, während ich koche.“,… Mein Opa war die Liebe ihres Lebens, auch wenn sie ihn oft geschimpft hat. Zwei Monate nach seinem Tod ist sie ihm gefolgt. Sie wollte nicht ohne ihn zurückbleiben.

Das Leben danach

Das ist bis heute der größte Verlust, den ich erlebt habe, und ich weiß, dass ich mich glücklich schätzen kann. Glücklich, dass ich mit liebevollen Großeltern aufwachsen konnte. Glücklich, dass meine Eltern noch recht jung und gesund sind. Meine Großeltern haben leider nicht mehr erlebt, dass ich meinen Beruf gewechselt und das Yogastudio eröffnet habe. Mein Opa war ein Gesundheitsfanatiker, der hätte das super gefunden. Und ich glaube, sie wissen es doch. Ich habe seit ihrem Tod oft das Gefühl, dass sie bei mir sind und noch irgendwie auf mich aufpassen. Besonders intensiv war dieses Gefühl mal in Indien, als wir im Morgengrauen jeder für sich nach draußen zum halbstündigen Meditieren geschickt wurden. Da waren sie direkt bei mir. In meiner Vorstellung sind sie wieder zusammen. Zufrieden lächelnd und Händchen haltend.

Meine Mama hat auf ihren Grabstein zwei Hände eingravieren lassen, die sich festhalten. Es haut mich immer wieder um, dass diese beiden Hände tatsächlich genau so aussehen wie die Hände von meinen Großeltern. Ich vermisse sie sehr.

 

*Ich habe während meines Studiums schon einmal über meine Großeltern geschrieben. Damals habe ich meine Oma zu ihren Kriegserinnerungen interviewt. Diesen Artikel habe ich bei der Idee für diesen Beitrag wieder hervorgekramt. Es hat mich sehr berührt, was meine Großeltern in jungen Jahren erleben mussten. Und weil ich finde, dass solche Erfahrungen nicht vergessen werden sollten, stelle ich meinen alten Artikel aus dem Jahre 1995 einfach auch in diesen Blog:

Meine Oma, die Zeitzeugin

Eure Nici

MEINE FAMILIE

Meine Oma, die Zeitzeugin

Ich habe meine Oma Christa Beyer 1995 im Rahmen eines Journalistik-Seminars meiner Uni interviewt. Damals war es einfach eine Studienarbeit. Heute bin ich froh darüber. So konnte ich ihre Erinnerungen auf diese Weise festhalten. Damit sie nicht verloren gehen, veröffentliche ich den damaligen Beitrag in diesem Blog. Was das mit Yoga zu tun hat? Ahimsa ist das Sanskrit-Wort für „keine Gewalt“. Mein Verhalten der Umwelt gegenüber ist der erste Teil des achtstufigen Yogapfades. Für uns sollte heute Gewaltlosigkeit in Worten und Taten gar kein Problem mehr sein – und trotzdem schaffen wir es nicht immer. Wie sieht es da erst in Kriegszeiten aus? Und das ist noch gar nicht so lange her. Meine Oma hat es noch erlebt:

Sie kann die jungen, schmucken Soldaten ganz deutlich vor sich sehen. Ihre Uniformen glänzen, sie sind frisch und stecken voller Tatendrang. Das kleine Mädchen Christa steht wie alle anderen am Straßenrand und winkt ihnen zu. Sie ist gerade acht Jahre alt. Viele Menschen werfen den Männern Blumen auf den Weg zum Abschied. Es ist 1939, und die deutschen Truppen marschieren in die Tschechoslowakei ein. Ebenso deutlich sieht sie heute ein zweites Bild: die Rückkehr der Soldaten im Frühjahr 1945. Müde und zerlumpt, mit Fußlappen und zum Teil verletzt, schleppen sie sich zurück zu ihren Familien.

Christa Beyer hat ihre Häkelarbeit zur Seite gelegt. Sie braucht die Hände, um ihre Worte zu unterstreichen. Als der Zweite Weltkrieg begann, war sie ein Kind, und eine Jugendliche, als er endlich wieder aufhörte. Das war vor 50 Jahren. Sie wacht längst nicht mehr auf, weil sie von Fliegerbomben geträumt hat, doch die Erinnerungen an diese Zeit sind kein bisschen verblasst. Vom Balkon ihres Hauses aus kann man riesige Wiesen und Felder bis zu einem Bahndamm am Horizont überblicken. Die Sonne scheint, und es grünt und blüht ringsum. Der kleine Ort Trebnitz in Sachsen-Anhalt liegt nur wenige Kilometer von dem Leuna-Werk entfernt. Während des Krieges war das große Industriegelände Ziel der britischen und später auch amerikanischen Kampfflugzeuge. Die 64-Jährige weist mit einer ausschweifenden Handbewegung auf die Felder. „Dort wurden überall Nebelfässer aufgestellt und angezündet, damit die Bomber das Leuna-Werk nicht finden und zerstören konnten. Deshalb fielen so viele Bomben, die ihr Ziel verfehlten, auf die umliegenden Dörfer.“

1944 gehörte Fliegeralarm fast zur Tagesordnung. Wenn die Familie zu Bett ging, legten sie ihre Kleidung so hin, dass sie ganz schnell hineinschlüpfen konnten, falls es wieder Alarm geben würde. Der Bunker, in den sie flüchteten, befand sich etwa einen Kilometer entfernt in Richtung Leuna. Einmal fiel eine Bombe in den Vorraum, und die stabile Eisen- und Betonkonstruktion schwankte beängstigend. Aber sie hielt aus. Ausländer durften nicht in den Bunker. Sie legten sich bei Alarm in die Gräben der Felder und konnten nur hoffen.

„Wir hatten auch einen Gefangenen in unserer Familie aufgenommen. Ein Pole namens Bolek. Eine treue Seele. Es war verboten, die Gefangenen mit am Tisch essen zu lassen. Doch wenn der Gendarm kam, dann bellte unser Hund ganz laut, und mein Vater sagte nur: „Bolek, Polizei.“ Daraufhin nahm Bolek seinen Teller und setzte sich auf den Kohlenkasten.“ Ihre blau-grauen Augen blitzen belustigt. Bolek war streng katholisch erzogen gewesen. „Manchmal, wenn wir in unserer Verzweiflung laut ‚Gott verdammich!‘ geflucht haben, ist er richtig ausgerastet: ‚Ist denn nicht alles schon schlimm genug?!‘“

Am 6. Dezember 1944 wurde die Familie schließlich total ausgebombt. Nach so langer Zeit kann die kleine Frau heute recht nüchtern davon erzählen. „Wir waren gerade im Bunker, als die Bombe schräg in unser Haus fiel“, berichtet sie sachlich und zeigt kaum eine Regung. „Der Hund war bei uns, aber die Pferde wurden im Stall zugeschüttet. Sie waren nicht verletzt, konnten jedoch nicht heraus. Wir mussten sie durch das Fenster füttern.“

Viele Häuser waren zerstört, und überall standen warnende Schilder: „Plünderer werden zum Tode verurteilt“. Später gab es noch einen nächtlichen Großangriff, bei dem Leuna mit Luftminen bombardiert wurde. Die Familie konnte sich gerade noch in einen Keller retten, von dessen Fenster aus sie das Leuna-Werk sehen konnten. „Durch den großen Luftdruck flogen die Fenster heraus und der Putz herunter, und mir war, als könnte ich durch den Keller schwimmen.“ Aufgeregt wirbelt sie nun mit den Armen. „Auf dem Bauernhof rannten sämtliche Tiere aufgescheucht umher: Kühe, Schweine, Hühner. Alles durcheinander. Zum Glück fiel keine Bombe ins Dorf.“ Der Angriff kam zu überraschend, und die Nebelfässer konnten nicht so schnell aufgefüllt werden.

Ihr Vater, Kurt Deubel, war Bäcker und musste zu Kriegszeiten drei Ortschaften versorgen. Er wurde deshalb nicht zum Kriegsdienst eingezogen, sondern war bei der Heimatflak. Ihr Blick verdunkelt sich, sie zieht die Augenbrauen zusammen und starrt nachdenklich auf einen unbestimmten Punkt in der Ferne. Es passierte am 14. Januar 1945 gegen Mitternacht. Der Vater hatte den Rest der Familie noch in den Bunker geschickt. Und sie hatte die ganze Zeit über schon so ein ungutes Gefühl. Gleich nach dem Angriff rannten Christa und ihr Bruder Johannes zur Flak. Fünf Männer waren gefallen. Einer war ihr Vater. Die Bäckerei musste erst einmal liegenbleiben.

Am 11. April war der letzte große Angriff. Noch ein Datum, das sie ohne jedes Zögern in ihre Geschichte einfließen lässt. Sie braucht nicht darüber nachzudenken. Diese Daten haben sich fest in ihr Gedächtnis eingeprägt. „Die Amerikaner kamen. Aber sie haben uns nichts getan. Wollten nur ein paar Eier“, winkt sie ab. „Doch dann der große Schock: Unser Teil wird russische Besatzungszone!“

Auch in den umliegenden Städten wie Bad Dürrenberg wurden im Krieg Gefangene gehalten. Russen, Polen, Ukrainer. Sie mussten im Lager leben, und es ging ihnen viel schlechter als denen, die in den Dörfern bei Bauern untergebracht waren. Zu Kriegsende kamen sie dann ins Dorf, um zu plündern und Rache zu üben. Die Großbauern, die wie Kriegsverbrecher behandelt und vertrieben wurden, befanden sich in besonders großer Gefahr. Einer von ihnen wurde von dem wütenden Mob fast in der Saale ertränkt. „Aber unsere Gefangenen haben uns verteidigt. Gott, was da los war! Die gingen mit Hacken aufeinander los!“ Die polnischen Gefangenen haben Fahrräder bekommen und sind in Richtung Osten geradelt. Manche Familien im Dorf stehen noch immer in Kontakt mit ihnen, und sie besuchen sich gegenseitig. Von Bolek haben sie nie wieder etwas gehört.

Der Krieg fiel genau in ihre Schulzeit. Acht Jahre lang hätten die Kinder damals eigentlich in die Volksschule gehen müssen. Doch wenn Christa Beyer heute die Zeit grob zusammenrechnet, die sie tatsächlich in der Schule waren, kommt sie höchstens auf sechs Jahre. Selbst die Lehrer waren zum Kriegsdienst eingezogen, und so gab es nur einen einzigen Dorflehrer, der in mehreren Orten sämtliche Altersklassen unterrichtet hatte. „Viel habe ich von der Schule nicht gehabt. Das meiste lernte ich später in der Berufs- und Meisterschule.“

Der Krieg war gerade vorüber, und die Spur, die er hinterlassen hatte, noch ganz frisch. Es herrschte eine große Hungersnot. „Dabei hatten wir es ja noch gut, wir konnten wenigstens Rübensaft kochen.“ Fast alle Scheunen waren abgebrannt, und das Stroh musste auf den Feldern gelagert werden. Die Tiere hatten sie teilweise in anderen Dörfern untergebracht, wo nicht so viele Ställe zerstört waren. Das verursachte die nächste Auseinandersetzung, weil die Bauern, denen die Pferde und Kühe in Obhut gegeben wurden, die Tiere nicht wieder herausrücken wollten.

Alle haben für sich gewirtschaftet, keiner hatte Geräte. Von dem Getreide mussten die Bauern einen Teil abgeben. Die russische Kommandantur drohte mit Erschießung, wenn sich einer weigerte. Deshalb musste die damals 14-Jährige mit ihrer Familie manchmal die ganze Nacht hindurch Getreide dreschen. „Die Russen waren wie die Dummen“, meint sie noch immer empört und tippt sich energisch mit einem Zeigefinger an die Stirn. „Vor allem waren das Leute, die überhaupt keine Ahnung von der Landwirtschaft hatten, die uns so herumkommandierten. Das Getreide wurde gesammelt und wahrscheinlich gleich nach Russland abtransportiert. Erst später wurden sie umgänglicher.“

Die Familien mussten ihre Waffen abgeben und wurden zu Einsätzen auf die Felder befohlen, um die vielen Bombentrichter zuzuschütten. Es wurde ihnen verboten, ihre Tiere zu schlachten. Dazu brauchte man erst einen Schlachtschein. Obwohl das Vieh gezählt war, schlachteten sie manchmal vor Hunger heimlich mitten in der Nacht. In halbkaputten Geschäften konnte man Kochtöpfe kaufen, die aus alten Stahlhelmen hergestellt worden waren. Der Diebstahl nahm stark zu. Erst konnten sie sich Maschinen ausleihen, um ihre Felder zu bestellen. Dann wurde die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) gegründet. Durch unbezahlbar hohe Steuern wurden die Menschen genötigt, die Eigenwirtschaft aufzugeben und stattdessen der LPG beizutreten. „Uns ging es langsam wieder besser. Mit 21 Jahren habe ich meinen Klaus geheiratet. Unsere Eltern waren tot, und wir haben uns allein durchgewurschtelt. Als selbstständige Bauern ohne Maschinen hätten wir sicherlich schlechter gelebt als mit der LPG.“

Die Soldaten waren aus dem Krieg heimgekehrt, und trotz harter Arbeit und wenig Essen begannen die Menschen wieder zu feiern. „Es fand sich immer mal einer, der Zerrwanst oder Klavier spielen konnte, und so haben wir uns das Tanzen selbst beigebracht.“ Sie unternahmen Ausflüge zusammen, meist in einem uralten Bus, den sie den Berg hochschieben mussten, weil er es aus eigener Kraft nicht mehr schaffte. „Das waren unsere schönsten Fahrten.“ Christa Beyer strahlt über das ganze Gesicht und rutscht unruhig auf ihrem Stuhl herum, weil sie noch so viel davon erzählen könnte. „Der Krieg war vorüber, und wir waren glücklich über Kleinigkeiten. Manchmal hatten wir auch eine Blaskapelle angeheuert. Richtig spielen konnten sie nicht, aber dafür laut und lange.“ Die Mädchen schneiderten sich ihre Kleider selbst und zogen sich mit abgebrannten Streichhölzern den Lidstrich und die Augenbrauen nach. Sie fasst es kurz und knapp zusammen: „Wir haben aus Scheiße Bonbon gemacht.“ Und nachts sind sie Arm und Arm in die Dörfer zurückgegangen und haben Wanderlieder gesungen, froh, wieder zusammen zu sein.

Ja, das waren Zeiten. „Der Zusammenhalt auf den Dörfern war enorm, als wir praktisch nichts hatten. Und heute, wo sie alles kriegen, schlagen sich die Leute die Köpfe ein.“

MEINE FAMILIE

Die Kraft der Gewohnheit

Jeden Montag bekomme ich von meinem Bruder die gleiche What’sApp. Darin wünscht er mir und meinem Freund eine tolle Woche. Immer der gleiche Text, die gleichen Emojis hintendran. Immer neu eingetippt. Ebenso am Freitag. In seinem Freitags-Gruß freut sich Björn darüber, dass die Arbeitswoche fast vorbei ist und wünscht uns ein ganz tolles Wochenende. Immer wortgenau auf die gleiche Weise. Aber immer neu geschrieben. Unsere Mutter findet jeden Morgen auf dem Küchentisch eine kleine handschriftliche Nachricht von Björn – die er stets neu verfasst, auch wenn sich an dem Text nichts verändert. Jeden Vormittag ruft er sie in seiner Frühstückspause an, um ihr zu sagen, dass er gut auf seiner Arbeitsstelle angekommen ist… Wir wünschen uns oft, dass er ein bisschen abwechslungsreicher wäre, aber wenn wir mal nichts von ihm hören, machen wir uns sofort Sorgen. Also ist es wohl gut so, wie es ist.

Ein besonderes Leben

Es ist ja schon großartig, dass Björn überhaupt schreiben kann. Dass er Arbeit hat und dass er selbstständig mit Rad und Straßenbahn dahin fahren kann. Mein Bruder lebt mit einer geistigen Behinderung. Kurz nach seiner Geburt habe ich ihn als damals Siebenjährige völlig verkrampft und knallrot in seinem Babykörbchen vorgefunden. Er hatte einen epileptischen Anfall. Das Bild habe ich heute noch im Kopf. Björn kam sofort ins Krankenhaus und lag dort drei Tage im Koma. Keiner wusste, ob er es schaffen würde. Das war wohl der Auslöser für seine Behinderung. Die Ärzte haben meiner Mutter später gesagt, dass er nie eine Schule besuchen wird. Er hat ihnen das Gegenteil bewiesen.

Nach mehreren Anläufen kam Björn mit neun Jahren auf die Sonderschule, hat diese auch abgeschlossen und ist danach zum Gartenfachwerker ausgebildet worden. Er war seither fast durchgängig in diversen Jobs beschäftigt – und das in einer Region mit ziemlich hoher Arbeitslosigkeit. Unsere Mutter hat ihn immer gefördert und immer für ihn gekämpft. Sie hat sich sogar mal an den Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt gewandt, damit Björn wieder Arbeit bekommt. Und war erfolgreich damit. Zur Zeit arbeitet er als Hausmeister-Assistent an einer berufsbildenden Einrichtung.

Es dauert seine Zeit, bis Björn etwas begreift. Aber wenn er einmal eine neue Aufgabe erlernt und diese zur Routine entwickelt hat, kann man sich blind auf ihn verlassen. Deshalb ist er bei seinen Kollegen und Vorgesetzten auch immer sehr beliebt. Er erledigt seine Arbeit gewissenhaft, auch wenn sie ihm den Rücken zudrehen. Monotone Aufgaben stören ihn nicht. Im Gegenteil.

Nur keine Überraschungen

Björn mag keine Überraschungen. Alles, was ihn aus seinem immergleichen Tagesrhythmus bringt, stresst ihn. Er ist der unflexibelste Mensch, den ich kenne. Seine Wochenenden sind ihm heilig und genau durchgetaktet mit Hausarbeit, Mahlzeiten, Sport, Mittagsschlaf, Fernsehprogramm. Wenn wir mit ihm verreisen wollen, müssen wir ihn lange im Voraus darauf vorbereiten, damit er sich mental darauf einstellen kann. Er freut sich, wenn ich zu Besuch nach Hause komme, aber er will deshalb nicht seine Lieblingsserien verpassen. Wenn ich ihn zu einem Ausflug überreden kann, muss ich dafür sorgen, dass er trotzdem um 14:30 Uhr einen Kaffee bekommt. Sonst verderbe ich ihm den Spaß daran. Und mir damit auch.

Das hat viele Vorteile. Björn ist durch und durch berechenbar. Aber manchmal kippt dieses Verhaftetsein an Gewohntem in Trägheit um. Dann wird er bequem, isst zu viel, bewegt sich weniger. Wenn Björn zunimmt, ist er weniger konzentriert und aufnahmefähig. Das will ich nicht verallgemeinern, aber bei ihm ist das so. Und es ist dann ein langer Prozess, bei ihm den Schalter wieder umzulegen.

Björns 15 Minuten Ruhm…

Sich durch nichts und niemanden von seinen Routinen abhalten zu lassen, kann auch gefährlich werden: Letztes Jahr ist Björn in aller Seelenruhe durch eine Polizeiabsperrung geradelt, die unerwartet seinen Nachhauseweg blockiert hat. Er hat  die 50 Einsatzkräfte ignoriert, die in Schutzanzügen (!) 140 Kilo mutmaßlichen Giftstoff entsorgt haben, der dort illegal abgeladen wurde. Mein Bruder ist einfach durch das weiße Pulver gefahren. Die Polizei war fassungslos. Daraufhin mussten er und sein Fahrrad dekontaminiert werden. Das stand am nächsten Tag sogar in der Zeitung.

Trotzdem sind die Gewohnheiten wichtig. Sie schenken Björn Kraft und Ruhe. Sie sind sein Anker. Geben ihm Halt und Sicherheit. Die Routinen sind derart verinnerlicht, dass er keine ermüdenden Entscheidungen treffen muss. Der gewohnte Gang macht ihn zufrieden, geerdet. Ich glaube, er ist ein glücklicher Mensch.

Magie beginnt außerhalb der Komfortzone

Aber Entwicklung passiert außerhalb der Komfortzone. Wenn wir uns auf fremdes Terrain begeben, unseren Horizont erweitern, etwas Neues lernen müssen oder wollen. Durch einen Jobwechsel, neue Ziele, neue Aufgaben, die auch irgendwann in Fleisch und Blut übergehen. Nur so ist Björn zu dem geworden, der er heute ist: Ein selbstbewusster, starker Mann. Meistens jedenfalls. Wir würden ihn nicht alleine wohnen lassen, aber er kann durchaus ein paar Tage ganz selbstständig zurecht kommen. Wer hätte das früher gedacht? Ich bin unglaublich stolz auf ihn.