UNSERE LEHRER

Was ist Ashtanga Yoga?

5 Uhr morgens klingelt Selimes Wecker. Dann beginnt sie ihre Yogapraxis mit 25 Minuten Pranayama (Atemtechniken) und übt anschließend idealerweise 90 Minuten Asanas (Yogahaltungen). Wenn sie am Vorabend spät ins Bett gekommen oder einfach zu kaputt ist, kürzt sie die Praxis ab. Es gibt ein, zwei Ruhetage pro Woche. An denen übt sie nur Pranayama und oft Zazen (eine Meditationstechnik des Zen-Buddhismus).

Ich habe mich sehr darüber gefreut, als ich Ende 2015 mit Selime auch Ashtanga Yoga in unser Programm aufnehmen konnte. Selime Özbek unterrichtet seither einmal wöchentlich im YogaKraftwerk. Ab und zu gibt sie Workshops. Ihr eigener Yogaweg begann 2008. Sie lernte Yoga bei einer Ashtanga Yogalehrerin in Sindelfingen und hatte damit auf Anhieb den richtigen Stil für sich gefunden. „Ashtanga ist ein ganzes System, das für mich einfach Sinn macht“, sagt Selime. Drei Jahre nach ihrer ersten Yogastunde absolvierte sie ihr Teacher Training bei Paul Dallaghan in Thailand – dem Lehrer ihrer Lehrerin. In dem Studio Yoga Mitte in Stuttgart hat sie danach bei Farzad Ahmadpour ihre disziplinierte morgendliche Praxis kultiviert. 2012 reiste Selime in die indische Stadt Mysore, um „auch mal an der Quelle des Ashtanga zu praktizieren“. Und nicht nur des Ashtanga Yoga…

Der Vater des modernen Yoga

Tirumalai Krishnamacharya (1888 – 1989), der als der Vater des modernen Yoga bezeichnet wird, wurde in Mysore geboren. Er zog sich als junger Mann für sieben Jahre in die Berge des Himalaya zurück, um dort bei einem weisen Yogi mehr als 3000 Asanas und Pranayama zu lernen. Nach der Rückkehr in seine Heimatstadt wurde er 1933 vom damaligen Maharajah an den Fürstenpalast von Mysore geholt, um dort Yoga zu unterrichten. Krishnamacharya galt als sehr intelligent und charismatisch, aber er war auch für seine Strenge bekannt, mit der er die Schüler disziplinierte. Es gibt Fotos und Videos, auf denen Krishnamacharya und seine Schüler Demonstrationen ihres Könnens liefern und ihre Kraft, Balance und unglaubliche Flexibilität in sehr schwierigen Haltungen zeigen. Es erinnert an eine Zirkusveranstaltung, aber das war Marketing. Hätte Yoga sonst jemals so einen Hype erlebt? Und wer bin ich, das zu verurteilen? Ich habe selbst einen Instagram-Account… Krishnamacharya ist jedenfalls persönlich nie in den Westen gereist, aber seine Schüler haben ihn und seine Lehre weltweit bekannt gemacht. Darunter sein jüngerer Schwager BKS Iyengar (1918 – 2014) und Pattabhi Jois (1915 – 2009), die später selbst die Yogaszene dominierten und eigene Yogarichtungen prägten: Iyengar Yoga und eben – Ashtanga Yoga.

Der Legende nach haben Krishnamacharya und Pattabhi Jois in den 30er Jahren in der Bibliothek der Universität von Kalkutta ein uraltes, mysteriöses Manuskript gefunden: auf Palmenblätter geschriebene Sanskrit-Texte über Hatha Yoga, die „Yoga Korunta“. Die beiden sollen die Texte übersetzt und daraus die Ashtanga Yoga Serien rekonstruiert haben. Krishnamacharya hat Pattabhi Jois schließlich dazu ermuntert, diese Instruktionen zur Basis seiner Praxis und seiner Lehrtätigkeit zu machen. Das Skript gibt es heute übrigens nicht mehr. Ameisen sollen es gefressen haben.

Selime hat 2012/2013 in Mysore mit Sharath Jois, dem Enkel von Pattabhi Jois, Yoga geübt. Ein prägendes Erlebnis für sie mit einer „tollen Energie“ an diesem historischen Ort.

Selime in Mysore

Der Weg zur Erleuchtung

Ashtanga Yoga wurde nach dem achtgliedrigen Yogapfad (Ashtanga Pada) benannt, dem Weg zur sogenannten Erleuchtung, der im „Yoga Sutra“ des weisen Patanjali beschrieben wird. Das ist eine fast 2000 Jahre alte Schrift. Eine Yogarichtung danach zu benennen klingt daher aus heutiger Sicht fast ein bisschen anmaßend. Als wäre Ashtanga Yoga der einzige Weg zur Erfüllung. Aber damals gab es noch nicht die große Palette an diversen Yogastilen, die heute wie Pilze aus dem Boden schießen. Zur Unterscheidung vom Yogapfad wird Ashtanga Yoga auch oft Ashtanga Vinyasa Yoga genannt. Dieser Name impliziert die fließenden Übergänge von einer Haltung in die nächste im Rhythmus der Atmung.

In den neunziger Jahren entdeckten diverse Promis wie Sting oder Madonna Ashtanga Yoga für sich und verhalfen dieser Yogarichtung – und auch Yoga im Allgemeinen – zu einem großen Schub. Heute wird Ashtanga Yoga weltweit unterrichtet. Aus Respekt vor der Tradition auf die immer gleiche Weise.

Die Asana-Praxis des Ashtanga

Es gibt insgesamt nur sechs Sequenzen, genannt Serien, also bestimmte festgelegte Abfolgen von Asanas, wobei in aller Regel nur die erste Serie unterrichtet wird. Die ist schon schwer genug. Sie beginnt mit zwei verschiedenen Sonnengrüßen und führt im Atemfluss über eine große Palette an Steh- und Sitzhaltungen mit anspruchsvollen fließenden Übergängen (Vinyasa) zu einer Abschlusssequenz mit Umkehrpositionen und Haltungen im Lotussitz. Das Setzen der Bandhas, der „Körperverschlüsse“, durch Muskelkontraktion hilft bei der Ausführung der Asanas, schenkt Kraft und Kontrolle über die Muskeln. Die Drishtis, also die Blickpunkte, die jeweilige Blickrichtung in jeder Haltung, fördern die Konzentration. Alles zusammen führt zu einem langen intensiven, meditativen Flow mit einer faszinierenden Wirkung auf Körper und Geist. Ashtanga Yogis sind meist recht athletische Typen. Wie auch Selime:

„Beim Ashtanga ist es in der Regel so, dass Du Dir eine eigene (fast) tägliche Praxis der ersten Serie aneignest“, erklärt sie mir.

Selime bei ihrer täglichen Praxis

„Und wenn Du die erste Serie fundiert mehrere Jahre praktiziert hast, gibt Dir Dein Lehrer nach und nach die Positionen der zweiten Serie dazu. Das war für mich erst mal richtig anstrengend, weil ich oft knapp zwei Stunden morgens mit meinem Lehrer praktiziert habe und dann kam der Rest des Tages. Irgendwann, wenn man einen Großteil der zweiten Serie gelernt hat, ‚darf‘ man die erste weglassen und steigt nach den stehenden Positionen direkt in die zweite ein. Ab welchem Punkt das ist, da streiten sich gerne die Lehrer“, meint Selime augenzwinkerd. „Ich würde sagen, das ist individuell abhängig von der Konstitution. Man kann sich schon verletzen, wenn man zu ehrgeizig an die Asanas ran geht oder den Körper überfordert, indem man Dinge zu früh einführt. Der energetische Aspekt der zweiten Serie ist nicht zu unterschätzen. Viele Yogis merken das über die Psyche. Dann braucht man vielleicht wieder mehr Erdung über die erste Serie.“ Selime selbst übt derzeit die erste und die zweite Serie. Mal tageweise abwechselnd, mal schwerpunktmäßig die zweite Serie, um mehr Routine zu bekommen. Ich zieh den Hut vor ihrer Disziplin. Aber sie meint dazu nur: „Yoga hat meinem Tag Struktur gegeben.“

Ihre Herausforderung bleibt der Handstand. „Ich traue mich keinen Handstand ohne Wand zu machen. Einmal bin ich doof auf den Rücken gefallen. Fazit: Es ist eine reine Kopfsache. Alles andere ist Übung.“

Neben den normalen Ashtanga Yogastunden gibt es für Praktizierende dieser Richtung noch den besonderen Mysore Style. Das ist die traditionelle Art des Unterrichtens. Mysore Praxis bedeutet, dass der Teilnehmer die Serie, die er gelernt hat, selbstständig und im eigenen Atemrhythmus praktiziert und vom Lehrer nur in der Ausführung unterstützt wird. Selime: „Man kann an seinem individuellen Standpunkt ansetzen und sich von dort entwickeln. Man findet den eigenen Rhythmus und ist mehr bei sich, weil einem keiner von außen sagt, was wie getan werden muss.“ Dieser Tage wird im YogaKraftwerk die erste Mysore Stunde stattfinden. Es wäre schön, wenn mehr daraus wird.

Neben den vorgegebenen Sequenzen gibt es ein paar Regeln, die traditionell von Ashtanga Yogalehrern an ihre Schüler vermittelt werden:

  • Sechs Tage Asana-Praxis pro Woche, idealerweise morgens. Ein Ruhetag. Meist Samstag.
  • Keine Musik. „Unser Mantra ist der Ujjayi-Atem“, so Selime.
  • Nichts trinken während der Übungen. Am besten auch noch nicht in der folgenden halben Stunde, um den Energiefluss der Praxis nicht zu stören.

 

Es gibt auch dunkle Seiten

Eine sehr reine Lehre also. Doch Yogalehrer sind keine Heiligen. Auch wenn die bekanntesten unter ihnen von vielen Yogis wie solche verehrt werden. Diese Verehrung ist gefährlich, wenn sie blind für die Verfehlungen macht. Wer nie zur Rechenschaft gezogen wird, nimmt sich immer mehr heraus. Wer Macht hat, kann sie auch missbrauchen. #metoo ist inzwischen auch in der Yogaszene angekommen und die Vorwürfe richten sich auch gegen den verstorbenen Pattabhi Jois. Etliche Frauen berichten, dass sie von ihm während der Übungen absichtlich an der Brust und im Schambereich berührt worden, wenn er ihnen seine – ebenfalls umstrittenen – Hilfestellungen gab, um tiefer in die Haltung zu kommen. Es gibt Bilder davon. Das ist ernüchternd und es macht fassungslos. Vor allem weil offenbar die wenigsten Frauen sofort ihre Konsequenzen daraus gezogen haben und aus der Stunde gegangen sind. Warum nicht? Selime hat das zum Glück nicht erlebt, aber sie hat auch viel darüber gelesen und sich damit auseinander gesetzt. „Ich habe meine Meinung und meinem Umgang damit gefunden.“

Seit ich davon erfahren habe, sehe ich Pattabhi Jois mit anderen Augen. Der Ashtanga Yoga an sich und die Art und Weise wie Ashtanga Yogis wie Selime den Yoga leben behält für mich seine Faszination, auch wenn meine Lehre der Iyengar Yoga ist. Beide Richtungen haben die gleiche Wurzel und deshalb ist es schön, dass im YogaKraftwerk beide Stile angeboten werden können.

Eure Nici

 

 

About The Author

Nici

Silvester 2006 habe ich mir Punkt Mitternacht beim Feuerwerk eine Zigarette angezündet und bekam prompt einen Asthmaanfall. So wurde ich zum Nichtraucher - ich hatte ohnehin keinen Bock mehr drauf, zunehmend zum Rauchen vor die Tür geschickt zu werden. Um durchzuhalten und mich abzulenken (und nicht zuzunehmen), begann ich mit Sport und Bewegung. Ich habe viel ausprobiert, aber Yoga hat mich von Anfang an gepackt und nicht wieder losgelassen. Inzwischen bin ich zertifizierte Iyengar Yoga Lehrerin, habe meine Arbeit als TV-Producerin an den Nagel gehängt und ein eigenes Yogastudio eröffnet. Das YogaKraftwerk. Mein ganzer Stolz.

4 comments

  1. Selime

    1. Mai 2018 at 17:45

    Danke für den tollen Beitrag! Ich hoffe, wir können ein paar Yogis aus dem Kraftwerk mit dem Mysore-Zauber anstecken 🙂

    1. 1. Mai 2018 at 19:57

      Ich auch! 😉

  2. 3. Mai 2018 at 06:02

    Hi. An sich toller Artikel. Nur diesen Satz ist einfach falsch, und vermittelt ein verkehrtes Bild: „Neben den normalen Ashtanga Yogastunden gibt es für Praktizierende dieser Richtung noch den besonderen Mysore Style. Das ist die traditionelle Art des Unterrichtens. “
    – Mysore-Stil ist ja gerade der normal Unterricht im Ashtanga Yoga. In dieser Unterrichtsform lernt und baut man Die Praxis auf. Die led-klassen, die viel später eingeführt wurden, sollten nur der Ergänzung dienen. LG, B

    1. 3. Mai 2018 at 06:45

      Danke, lieber Boris!

Geht es Dir ähnlich? Was sind Deine Erfahrungen? Hast Du Fragen? Immer raus damit!