YOGA-REISE

5 Wochen Indien – die Yogapraxis

Ich habe großen Respekt vor Geeta Iyengar, aber auch ein bisschen Angst. Angst davor, in ihren Yogastunden in irgendeiner Form negativ aufzufallen, denn ihre Schimpftiraden sind so legendär wie ihre Kompetenz. Und ich sollte sie bald live erleben…

Vom 1. bis 31. August bin ich am Ramamani Iyengar Memorial Yoga Institute (RIMYI) in Pune angemeldet, der Yogaschule der Familie Iyengar. BKS Iyengar selbst habe ich leider nicht mehr erleben dürfen, aber seine Kinder Geeta und Prashant führen das Institut in seiner Tradition weiter. Ich gehe täglich in einen Kurs, „observiere“ eine weitere Yogastunde meiner Wahl und übe 1 – 2 Stunden in den heiligen Hallen für mich selbst.

Das Institutsgebäude steht direkt gegenüber dem Wohnhaus der Iyengars. An meinem ersten Tag sitzt Geeta auf der Bank vorm Haus. Es ist meine erste Begegnung mit ihr. Die starke, dominante Frau wirkt ganz klein und zerbrechlich auf mich. Die älteste Tochter von Guruji, wie BKS Iyengar liebevoll von seinen Schülern genannt wird, ist inzwischen 73 Jahre alt und leidet an Zucker. Ihr wurden bereits ein paar Zehen amputiert. Als ich sie da sitzen sehe, bin ich mir nicht sicher, ob sie überhaupt noch unterrichten wird.

Geeta Iyengar als junge Frau in Virabhadrasana II

Um 9.30 Uhr beginnt an diesem 1. August die zweistündige Women’s Class, die in der Regel von Geeta gehalten wird. Sie hat nicht nur den Yoga, sondern auch den Ayurveda studiert und hat ihr Schaffen besonders dem „Yoga für die Frau“ gewidmet, so auch der Titel ihres umfassenden Buches. Sie legt großen Wert darauf, dass wir bei unserer Praxis Menstruation, Schwangerschaft, Rückbildung oder Wechseljahre berücksichtigen und diesen Perioden und Lebensphasen besondere Achtsamkeit schenken. Und so wurde einst die Women’s Class eingeführt, um diese Achtsamkeit zu schulen. Ich habe deshalb nur Frauen erwartet. Aber inzwischen wird die Klasse von Männern und Frauen gleichermaßen besucht, die Geetas Unterricht erleben wollen. Frauenthemen werden individuell berücksichtigt, stehen aber nicht mehr im Mittelpunkt.

Die große Yogahalle im ersten Stockwerk ist sehr beeindruckend. Es gibt eine halbrunde Freifläche um das Podest herum. Von der hohen gewölbeartigen Decke hängen Ventilatoren. An den Wänden befinden sich die ganzen Fotos von Guruji aus seinem Werk „Licht auf Yoga“. Die Wand mit den Iyengar-typischen Seilen ist gefliest wie ein Badezimmer. Geflieste Säulen mit Seilen rahmen die Halle, dahinter hängt die Decke tiefer. Hier befinden sich vor den großen Fenstern die Hilfsmittel aus Holz: große und kleine Backbender für Rückbeugen, das sogenannte Pune-Pferd, Bänke, Hocker,… Wenn es eng wird, werden die Gerätschaften kurzerhand durchs Fenster nach draußen gestellt, damit mehr Matten ausgebreitet werden können. Decken, Gurte, Klötze, Bolster werden in Regalen gestapelt, die Stühle hängen an der Wand ums Eck. Zum Umziehen geht man eigentlich in den Toilettenraum – geschickter ist es, gleich die Yogasachen drunter zu tragen, sich in der Halle nur auszuziehen und die Sachen auf den Gittern über unseren Köpfen zu verstauen. Der Boden ist glatt, hart und angenehm kühl. Die dünnen Matten stinken ein bisschen vom vielen Gebrauch. Wir dürfen beim Üben keine Klötze oder Stühle darauf stellen, damit sie nicht so schnell kaputtgehen.

Die Women’s Class an diesem Tag ist mit ca. 100 Leuten ziemlich voll und wird von Abhijata eingeleitet, Gurujis Enkelin und Geetas Nichte. Eine große, resolute Frau, die mit klarer, lauter Stimme und präzisen Ansagen schnell Ordnung in das Gewimmel von Leuten bringt. Sie trägt – wie wir alle in der Klasse – kurze Hosen und ein T-Shirt, was anderes ist bei dem feuchtwarmen Klima auch gar nicht denkbar. Da sich jeden Monatsanfang jede Menge Pune-Neulinge wie ich unter den Yogalehrern aus aller Welt befinden, gibt uns Abhi eine kurze Einführung zu den No-Gos: keine Straßenhunde füttern, als Frau vor allem nachts nicht allein herumlaufen, keine Pässe und Wertsachen mit ins Studio bringen, vorsichtig sein, wenn man Bettlern Geld gibt (wenn sie denken, es ist zu wenig, beklauen sie einen vielleicht), keine Fremden einlassen,…

Inzwischen wurden auf dem Podest ein paar Kissen und Decken hergerichtet – und Geeta von 2 – 3 Helfern herein- und zu diesem Platz geführt. Sie kann kaum laufen. Abhi heißt uns aufrecht zu sitzen und stimmt das Eröffnungsmantra an. Danach übernimmt Geeta. Sie sagt einfach die erste Haltung an: „Adho Mukha Virasana!“

Plötzlich wirkt Geeta gar nicht mehr klein und zerbrechlich. Sie sitzt aufrecht und hat uns alle im Auge. Der Schwerpunkt der Stunde liegt darin, in sitzenden, hüftöffnenden Vorwärtsbeugen den Po zu heben, damit uns eben das später in der Stunde in armgestützten Haltungen wie Tittibhasana leichter fällt. Und schon wettert Geeta los, weil eine der vielen Übenden sich zwar im Schneidersitz nach vorn beugt wie verlangt, aber die Anweisung auch noch den Hintern zu heben, einfach ignoriert. Geeta schimpft wie ein Rohrspatz, weil sie ihre Energie verschwendet sieht, wenn wir nicht richtig mitmachen. Weil wir nicht richtig zuhören oder zu schlecht Englisch sprechen, um sie zu verstehen. Geetas Englisch ist hervorragend, aber an den Akzent muss man sich erst gewöhnen. Erschwerend kommt hinzu, dass der Straßenlärm durch die offenen Fenster dringt und Geeta manchmal die Luft ausgeht beim Sprechen und Schimpfen. Ich habe mich mit meiner Matte deshalb ziemlich weit nach vorn gewagt, um sie besser zu verstehen, aber es ist trotzdem schwer. Das bereue ich in der nächsten Haltung, denn bei Baddha Konasana krieg ich meinen Hintern – bei allem guten Willen – auch nicht hoch.

Ich glaube ja, dass das jemandem mit längeren Beinen und einem leichteren Po leichter fallen könnte als mir, aber unser Körperbau darf im Iyengar Yoga nicht als Ausrede herhalten. Ich gebe also einfach mein Bestes. Mit Schwung klappt es kurz. Puh.

Geeta ist genervt, wenn wir in ihren Augen trödeln, um in eine Haltung zu kommen („Quick!!“) oder wenn wir uns sofort auf Hilfsmittel stürzen wollen, wenn sie die nächste Asana ansagt. „Ihr denkt sofort an Eure Zimperlein und Unterstützung, wenn wir eine Haltung angehen. Dabei geht es mir im Moment vor allem darum, dass es schnell und pur passiert.“ Manchmal klingt es, als ob wir für sie eine einzige Enttäuschung sind: „Und Ihr wollt die besten Iyengar Yogalehrer der Welt sein…“

Trotzdem ist sie im zweiten Teil der Stunde milder gestimmt. Versucht uns auch zu vermitteln, warum sie manchmal sauer wird. Sie hat nicht mehr viel Zeit. Sie möchte uns etwas beibringen. Der Aufenthalt in Pune soll uns weiterbringen. Und das klappt nur, wenn wir uns darauf einlassen und aus unseren gewohnten Mustern ausbrechen. Dazu müssen wir ihr zuhören.

Nach der zweistündigen Klasse bin ich total verschwitzt, aber zufrieden. Unterricht bei Geeta ist ein echtes Erlebnis, ich hab einige Asanas mit einem ganz neuen Bewusstsein erfahren – und ich bin heil durchgekommen.

Fortsetzung folgt.

Eure Nici